Familienclans und andere Dramen - ein tunesisch-deutscher Theaterdialog

Lesung und Diskussion

Die Dramatik zählt in Tunesien zu den jüngsten literarischen Formen. Es gibt (mit Ausnahme von Workshops) keine Ausbildung dafür, es gibt keine Tradition der Theaterkritik, die sich mit neuen Stücken auseinandersetzt, und entsprechend ist „Dramatiker“ anders als bei uns keine Berufsbezeichnung, sondern das Stückeschreiben ist für Regisseure oder Schriftsteller (Regisseurinnen oder Schriftstellerinnen) meist eine Zusatzbeschäftigung. Eine allerdings, die für uns besonders interessant ist. Denn die Beschäftigung mit der Dramatik eines anderen Landes ist so etwas wie der Königsweg zum Dialog. Die fremden Positionen und Geschichten sind bereits aufgeschrieben, müssen aber selbst erzählt werden.
In Kooperation mit dem Verlag Hartmann & Stauffacher hat die Akademie der Künste drei neue tunesische Stücke ins Deutsche übersetzen lassen. Der Regisseur und Dramatiker Kevin Rittberger, der im Auftrag der Akademie letzten August selbst in Tunis war, präsentiert sie in Lesungen und spricht im Anschluss mit den Autoren. Alle drei kurz vor oder nach der Revolte geschriebenen Dramen handeln von Familien.

"Zwangsjacke" (Camisole) von Ridha Jaballah
Halluma lebt mit ihren Söhnen Issa und Baschir zusammen, die einen Gemüsekarren haben, aber offenbar auch in Waffengeschäften stecken. Mehrez und Najma, Geschwister, die sie als Kinder adoptiert hat, bewegen sich in Rotlichtkreisen und kommen nur selten vorbei. Und wenn, gibt es Gefechte bis aufs buchstäbliche Messer. Der Geschäftsmann Ali ad-Diwani taucht auf und wird den Brüdern zum Hoffnungsträger. Aber er interessiert sich nur für Najma. Am Ende kommt Hallumas dritter Sohn, ein Lehrer, und will sie zu sich in sein bürgerliches Heim nehmen. Aber sie jagt ihn fort.

Ridha Jaballah wurde 1984 in Tunis geboren und lebt dort. Er schloss 2010 sein Studium am Institut Supérieur d’ Art Dramatique in Tunis ab und arbeitet seitdem als Autor und Regisseur. 2009 schrieb und inszenierte er "Camisole", 2010 "Valises", das mit dem ersten Preis des Internationalen Festivals für Experimentelles Theater in Kairo ausgezeichnet wurde, und 2011 "Watan ou Aliénation".

"Herzlichen Glückwunsch" (Au prochain anniversaire) von Wahid el Ajmi und Yara Abou Haidar
Lina und Mansur haben sich im Herbst 2004 in Helsinki kennengelernt, bei einer Demonstration für die Unabhängigkeit Palästinas. Sie wurden ein Paar in Finnland und haben einen Sohn bekommen. Dann enden die Aufenthaltsgenehmigungen und sie müssen in ihre jeweiligen Heimaten zurück. Lina in den Libanon, Mansur nach Tunesien. Weil keiner von beiden den Sohn im anderen Land aufwachsen lassen will, bleibt das Kind zurück, und die beiden haben nur noch an seinen Geburtstagen Kontakt.
Wahid el Ajmi wurde 1981 in Tunis geboren und lebt in Tunis und Beirut. Seine Ausbildung erhielt der Schauspieler, Autor und Regisseur am Institut Supérieur d’Art Dramatique in Tunis. Als Schauspieler arbeitete er mit bekannten Regisseuren wie Ezzedine Gannoune, Fadhel Jaïbi und dem Libanesen Roger Assaf. Zusammen mit der libanesischen Schauspielerin und Co-Autorin von "Herzlichen Glückwunsch", Yara Abou Haidar, hat er in Beirut das Théâtre à domicile gegründet – einen Ort für Workshops und Diskussionen.

"Mémoire en retraite" von Meriam Bousselmi
Ein junger Mann geht zum Anwalt, weil er seinen Vater dafür verklagen will, dass er ihn gezeugt hat. Der Anwalt ist selbst der Vater, der junge Mann ein Dichter, dem bald die Worte ausgehen. Denn der Vater, den er zur Verantwortung ziehen will, wird vergesslich und lässt seine eigenen Gedanken so schweifen, dass es am Ende keine gemeinsame Erinnerung mehr gibt.
Meriam Bousselmi wurde 1983 in Tunis geboren und lebt dort. Sie ist Autorin, Dramaturgin und Regisseurin und absolvierte darüber hinaus ein Studium der Rechtswissenschaft. Als Dramaturgin und Regisseurin war sie von 2002 bis 2007 am Centre Arabo-Africain de Formation et de Recherches Théâtrales in Tunis tätig. Für ihr Werk "Brouillon de vie" (2007), wurde sie mit dem Literaturpreis des Arab Fund for Arts and Culture ausgezeichnet. 2012 ist sie Berlin-Stipendiatin der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste.

Kevin Rittberger wurde 1977 in Stuttgart geboren und lebt in Berlin. Als Regisseur (ausgezeichnet mit dem Kurt-Hübner-Regiepreis 2010) und Autor arbeitete er u. a. am Staatstheater Stuttgart, Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, Deutschen Theater Berlin, Schauspielhaus Wien, Schauspiel Frankfurt und Düsseldorfer Schauspielhaus. Für die Akademie der Künste reiste er im August 2011 nach Tunis.

>> Programm
Lesungen und Gespräch
Einführung, Einrichtung und Moderation: Kevin Rittberger
Mit: Meriam Bousselmi, Ridha Jaballah und Wahid el Ajmi
Es lesen: Manja Doering, Christian Grashof, Moritz Grove, Daniel Morgenroth, Mathias Schlung, Christian Schneeweiß, Klaus Völker und Jutta Wachowiak
Gespräch Arabisch und Deutsch mit Übersetzung

Alle Stücke wurden von Leila Chammaa und Youssef Hijazi ins Deutsche übertragen, Urlesungen der deutschen Fassungen in Kooperation mit dem Verlag Hartmann & Stauffacher. Verlagsrechte: Hartmann & Stauffacher

>> im Rahmen von Kunst und Revolte. Zu den Umbrüchen in den arabischen Gesellschaften.

Samstag, 3.3.2012

18 Uhr

Hanseatenweg

Studio

Lesungen und Gespräch. Mit Wahid el Ajmi, Meriam Bousselmi, Ridha Jaballah und Kevin Rittberger. Es lesen Manja Doering, Christian Grashof, Moritz Grove, Daniel Morgenroth, Mathias Schlung, Christian Schneeweiß, Klaus Völker und Jutta Wachowiak.
Festivalticket € 20/12, Tagesticket € 6/4

>> im Rahmen von Kunst und Revolte. Zu den Umbrüchen in den arabischen Gesellschaften
Dokumentation
Bilder von der Veranstaltung
alle Fotos © Marcus Lieberenz

Reihe 1:
Kevin Rittberger bei der Einführung in den Abend.
Rechts: Moritz Grove und Christian Grashof bei der Lesung aus "Mémoire en retraite" von Meriam Bousselmi

Reihe 2:
Christian Schneeweiß, Christian Grashof, Mathias Schlung, Daniel Morgenroth und Jutta Wachowiak bei der Lesung aus "Zwangsjacke" von Ridha Jaballah.
Rechts: Lesung aus "Herzlichen Glückwunsch" von Wahid el Ajmi und Yara Abou Haidar mit Manja Doering, Daniel Morgenroth

Bei den Gesprächen im Studiofoyer:
Reihe 3: Kevin Rittberger (links), Meriam Bousselmi (rechts)
Reihe 4: Ridha Jaballah (links), Wahid el Ajmi (rechts)

Der Theaterdialog zum Nachhören:

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