Verleihung des Will-Grohmann-Preises

Preisverleihung

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden widmen Will Grohmann (1887–1968), einem der einflussreichsten deutschen Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts eine umfassende Ausstellung. Gemeinsam mit der Akademie der Künste findet anlässlich seines 125. Geburtstags ein internationales Kolloquium in Dresden (3./4.12.) und Berlin (5.12.) statt. Themen sind Grohmanns internationale Vermittlungspolitik, sein Wirken als Kritiker und Kurator, die Beziehungen zu ausgewählten Künstlern und seine engen Kontakte zu Kunsthändlern und -sammlern. Den Abschluss bildet eine Podiumsdiskussion zur Kunstkritik damals und heute.

Der von der Akademie der Künste jährlich verliehene Will-Grohmann-Preis wird in diesem Jahr in Dresden (4.12.) verliehen.

Weitere Informationen unter www.willgrohmann.de

Programm des Will-Grohmann-Kolloquiums "Der Kritiker ist für die Kunst" vom 3. - 5. Dezember 2012 in Dresden (pdf-Dokument)

Dienstag, 4.12.2012

19.30 Uhr

Dresdner Residenzschloss
Verleihung durch Nele Hertling, Vizepräsidentin der Akademie der Künste. Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Eintritt frei
Dokumentation

Im Auftrag des Präsidenten und der Vizepräsidentin der Akademie der Künste sprach Hans Gerhard Hannesen, Präsidialsekretär der Akademie, zur Verleihung des Will-Grohmann-Preises in Dresden ein Grußwort.

Auszüge aus der Rede:

Als Will Grohmann zu seinem 80. Geburtstag, am 4. Dezember 1967, ein Jahr vor seinem Tod, zum Ehrenmitglied der Akademie der Künste im Westteil Berlins gewählt wurde, hatte er im Jahr zuvor in der Akademie als Kurator der Ausstellung „Junge Generation“ eindrucksvoll seine Sicht der zeitgenössischen Kunstentwicklung präsentiert. Mit einem Zitat von Paul Valery in seinem Katalogbeitrag: „Die Vergangenheit hat nur Sinn für den, der eine wahre Leidenschaft für die Gestaltung der Zukunft hat“ verkündete er gleichsam sein eigenes Lebensmotto. Doch sein Einfluss auf die Herausbildung einer neuen Abteilung für Bildende Kunst in der 1954 in West-Berlin neu konstituierten Akademie der Künste spielte bereits bei den frühesten Überlegungen über die Nachfolge der ehemals Preußischen Akademie der Künste eine wichtige Rolle, auf die ich gleich noch kurz eingehen werde. Mit der Ehrenmitgliedschaft sollte der bedeutende Kunsttheoretiker und Kunstkritiker gewürdigt werden, dem viele Mitglieder eine wesentliche Vermittlung ihrer künstlerischen Arbeit in einer der Kunst der Moderne eher kritisch bis ablehnend gegenüberstehenden Gesellschaft verdankten. Seine Wahl erfolgte, wie es in dem Schreiben des damaligen Akademie-Präsidenten Hans Scharoun vom gleichen Tag heißt: „In Anerkennung Ihrer Verdienste um das deutsche und europäische Kunstschaffen“. Der Geburtstag wurde in der Akademie am Hanseatenweg gefeiert und alle, die in der Welt der Kunst etwas zu sagen hatten und es einrichten konnten, waren gekommen, um ihn zu ehren.
Kunsthistoriker oder Kunstkritiker waren 1967 noch nicht ordentliche Mitglieder der Akademie. Erst 1970 wählte man mit Werner Haftmann und Werner Hofmann zwei bedeutende Museumsleute zu außerordentlichen Mitgliedern, die dann, als zum Ende des Jahrzehnts auch für nichtdeutsche Staatsbürger nur noch die ordentliche Mitgliedschaft galt, den Künstlern gleichgestellt wurden. So wurde Will Grohmann nach Henry Reichhold, dem Stifter des Akademiegebäudes am Hanseatenweg, und Senator Joachim Tiburtius, der wesentlich an der Neukonstituierung beteiligt war, nach Bundespräsident Theodor Heuss und dem Politiker und Architekturkritiker Adolf Arndt das fünfte Ehrenmitglied der Akademie, nur noch gefolgt von Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Bloch.
Will Grohmann, der aus politischen Gründen 1947 seine Heimatstadt Dresden verlassen hatte und in Berlin-Charlottenburg an der im 19. Jahrhundert aus der Akademie der Künste hervorgegangenen Hochschule für bildende Künste als Professor lehrte, konnte nun endlich wieder als Kunsttheoretiker und Kunstkritiker wirken, insbesondere als Verfechter der abstrakten Kunst. Er muß diese Zeit als eine große Befreiung erlebt haben und als eine Verpflichtung, für eine Erneuerung der Kunst zu kämpfen. Als Reaktion auf die Diffamierung und Unterdrückung der Ungegenständlichen Kunst durch die Nationalsozialisten und auf die Doktrin des sozialistischen Realismus in der DDR, galt die Abstraktion vielen Zeitgenossen als antitotalitäre und endlich von ideologischem Ballast befreite Weltsprache der Kunst. Während die Abstrakte Kunst im Osten als bürgerlich-dekadent und sinnentleert diffamiert wurde, identifizierten sich die Künstler der Avantgarde im Westen - gerade auch durch die Abgrenzung von diesem Feindbild - um so mehr mit ihr, und die Auseinandersetzung mit dem französischen Art Informel ging einher mit der Westbindung der Bundesrepublik.

Doch auch im Westen waren die Positionen nicht einseitig. Karl Hofer, Mitglied der Preußischen Akademie der Künste von 1923 bis zu seinem von den Nationalsozialisten erzwungenen Ausschluss 1938, seit 1945 Direktor der Hochschule für bildende  Künste und seit 1952 Mitglied des Gründungsausschusses der Akademie der Künste, vertrat als Präsident des Deutschen Künstlerbundes dezidiert die Position der Gegenständlichen Kunst, was zu Austritten von Künstlern wie Willi Baumeister, Hans Uhlmann, Theodor Werner und Fritz Winter aus dem Künstlerbund führte. Hofer wurde von Will Grohmann damals heftig attackiert. Er starb 1955.

In der Akademie wurde die Position Will Grohmanns bestimmend, und 1960, als das von Werner Düttmann entworfene neue Haus am Hanseatenweg eingeweiht wurde, dominierten in der Eröffnungsausstellung „Die Mitglieder und ihr Werk“, die Arbeiten der abstrakten Kunst. Doch neben dem Eingang zu den Ausstellungssälen wurde eine 1951 von Bernhard Heiliger geschaffene Bronzebüste Karl Hofers aufgestellt, die sich bis heute an dieser Stelle befindet: eine Würdigung des Künstlers, der für seine Überzeugungen streitet.

Erwähnt sei hier nur, daß die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen künstlerischen Richtungen damit in der Akademie nicht beendet waren. Sie gipfelten 1985 in einer auf die Kunst im Westen bezogenen Rede des damaligen Akademie-Präsidenten Günter Grass mit dem Titel „Geschenkte Freiheit – Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes“  in der er die Gegenstandslosigkeit mit der Verdrängung der Vergangenheit in Verbindung brachte und damit heftigen Widerspruch provozierte. Und als es in den Jahren 1991 bis 1993 um die Vereinigung der Akademien in West- und Ost-Berlin ging, zeigte es sich, dass es durch die lange Zeit der Teilung des Landes in der Bildenden Kunst zu einem tiefen Schisma gekommen war, das zu vehementen Auseinadersetzungen führte, in denen, ähnlich wie nach dem Krieg, künstlerische Gegensätze und politische Überzeugungen miteinander verwoben waren. Man stelle sich einmal vor, Will Grohmann hätte diese Zeit noch miterlebt. Seine Stellungnahmen wären zweifellos sehr interessant gewesen!
Will Grohmann jedoch hat seiner Überzeugung, daß eine freie Gesellschaft einer lebendigen jungen Kunst bedarf, über seinen Tod hinaus durch eine testamentarische Verfügung Wirkungskraft gegeben, indem er  eine Stiftung für einen Preis schuf, der, wie es in den Richtlinien heißt: "an junge Maler, Graphiker und Bildhauer verliehen (wird), die Talent und Eigenart zeigen" und der in Ausnahmen auch an eine Persönlichkeit aus dem Bereich der Kunstkritik, der Kunsttheorie oder des Ausstellungswesens vergeben werden kann, die sich um die Förderung der zeitgenössischen Kunst besonders verdient gemacht hat.
Die Akademie der Künste, die die Stiftung seit 1970 verwaltet, und in deren Obhut der Preis nach den Richtlinien vergeben wird, ist Will Grohmann und seinen Erben überaus dankbar für die großzügige Förderung junger Künstler. Mit dem Preis verbindet sich die Möglichkeit über die Bedingungen der Kunst in einem größeren zeitlichen Zusammenhang nachzudenken und gleichzeitig Diskussionen zur aktuellen Kunst zu fördern – also gleichsam eine urakademische Aufgabe.
Immer am 4. Dezember, dem Geburtstag Will Grohmanns, wird der Preisträger bekannt gegeben, und in der Regel wird der Preis dann im jeweils folgenden Jahr am 18. März gemeinsam mit dem Kunstpreis Berlin in der Akademie verliehen.

Die heutige Ausnahme von dieser Regel freut uns in der Akademie sehr, denn sie rückt durch die Verbindung mit dem Kolloquium „Der Kritiker ist für die Kunst“ und der Ausstellung „Im Netzwerk der Moderne“ an seinem heutigen 125. Geburtstag Will Grohmann selbst wieder ins Zentrum. Wir sind daher den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden überaus dankbar für diese Zusammenarbeit und der Ferdinand Möller Stiftung für die großzügige Unterstützung.
Lieber Wolfgang Wittrock, Ihrem großen Engagement und Ihrer spontanen Hilfsbereitschaft, als der volle Betrag des Preisgelds aufgrund der derzeitig niedrigen Zinserträge gefährdet war, verdanken wir ganz wesentlich die heutige Preisverleihung! Herzlichen Dank!
Sehr geehrte Damen und Herrn, abschließend möchte ich noch Herbert von Buttlar zitieren, der in einer in der FAZ erschienen längeren Würdigung zum 80. Geburtstag 1967 schrieb:  „… Grohmann fühlt die Verpflichtung, Deutschland wieder im Konzert der Völker zur Geltung zu bringen, er will die Deutschen informieren und anspornen, er reist durch die Welt, stellt Ausstellungen zusammen, schickt deutsche Kunstausstellungen ins Ausland, eröffnet viele Veranstaltungen, festigt seine alten Beziehungen zu Frankreich, England, Amerika, Japan, wird Ehrenmitglied des Museums of Modern Art in New York….“.
Ich bin sicher, dass ihn auch die heutige Preisverleihung sehr gefreut hätte.

Die Laudatio auf den Will-Grohmann-Preisträger Nasan Tur hielt der Kultur- und Kunstwissenschaftler Hubertus von Amelunxen, Mitglied der Sektion Bildende Kunst der Akademie 

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Nasan Tur,

„Ebenso wie die Philosophie mit dem Zweifel, ebenso beginnt ein Leben, das menschenwürdig genannt werden kann, mit der Ironie.“ Dieser Satz, 1841 von Sören Kirkegaard geschrieben, scheint mir trefflich das Werk des Künstlers Nasan Tur, in Offenbach am Main 1974 geboren, zu fassen. Aufgefallen war er mir in einer Ausstellung bei René Block, nicht der Edition Block, sondern der Galerie Tanas, eine Präsentation außerhalb der Türkei lebender, türkisch-stämmiger Künstlerinnen und Künstler.

In regelmäßigen Abständen von 20 oder 30 Minuten wird aus einem Wandschlitz eine 1 EURO Münze im hohen Bogen herauskatapultiert und landet zur Bereicherung des Publikums klingend auf dem Boden. Die Großzügigkeit der Tur’schen Gabe - niemand natürlich wagte es, auch nur einen Euro dem kleinen Häufchen auf dem Boden zu entnehmen – rührte aus einer Denkabstraktion her, eng verbunden mit der Abstraktion des Tausches. Hier wurden vergnüglich Äquivalenz und Identität verhandelt und dem Ernst dieser Aktion wurde der Besucher durch Ironie inne, dem ironischen Wurf des Nasan Tur. Seit etwa 2000 zeigt Nasan Tur sein bildnerisches Werk - Photographien, Videos, skulpturale Installationen und räumliche Interventionen. Studiert hat der in Berlin lebende Künstler an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (1995-2003) sowie an der Städelschule in Frankfurt am Main (2000-2003). Das noch junge, gleichwohl schon umfangreiche Werk wurde global bereits in den verschiedensten kulturellen Kontexten gezeigt, in Zusammenhängen, deren behutsame Thematisierung auch seinem Werk selbst ursprünglich ist. Die Kunst des Nasan Tur ist ohne Frage eine politische Kunst, eine Kunst, die sich ebenso umsichtig kulturellen Differenzen wie politischen Despotien annähert, manchen Betrachter mit einem Augenzwinkern zur Besinnung hebt und konzise Missstände der politischen Unterdrückung, der Nationalismen und der Missachtung von Individualität und menschlicher Würde ins Zentrum des Werks rückt.

Ob Nasan Tur in einer Aktion an fünf öffentlichen Plätzen der Welt Purzelbäume schlägt (Somersaulting Man, 2001-2004), in einem Gewerbegebiet in Berlin in einer großen Pfütze badet (The Puddle and the Blue, 2001), ob er Strassenkünstler beauftragt, Porträts von politisch verfolgten und vermissten Menschen nach Photographien zu zeichnen und die Entstehung der Bilder (jeweils eine Stunde) filmt (Collective Notice, 2009) oder in Istanbul die Nationalflaggen von acht nicht mehr existierenden Ländern zusammen genäht von der Decke hängen lässt (Once upon a time, 2011) – stets ist es ihm gelungen, vergleichbar mit dem rheinischen Humor und Ernst eines Hans Haacke, den Menschen ins Zentrum des gesellschaftlichen Konflikts nicht zu stürzen, doch hinzuführen.

In zahlreiche Ausstellungen, zuletzt der monographischen in der Kunsthalle Mannheim (2011) und in ebenso vielen Büchern und Katalogen ist dieses herausragend vielversprechende künstlerische Werk gewürdigt worden. Die Jury für den Will-Grohmann-Preis 2012 an der Akademie der Künste war sich einig, mit Nasan Tur einen bedeutenden Künstler der Gegenwart zu ehren.

Mit der Kierkegaardschen Ironie begann die kleine Laudatio, mit ihr soll sie auch enden. Wenn der Künstler, so schreibt Kierkegaard, die Welt zu verstellen sucht, dann tut er dies „nicht so sehr, um sich zu verstecken, als vielmehr, um andere dahin zu bringen, sich zu offenbaren“.
 

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