Alfred-Döblin-Preis 2009

Preisverleihung
Zum 17. Mal wird der von Günter Grass gestiftete Alfred-Döblin-Preis verliehen. Der Preis, in diesem Jahr mit 15.000 € dotiert, wird im Sinne des Stifters für ein längeres Prosamanuskript vergeben, das sich noch in Arbeit befindet. Der diesjährigen Jury gehören Christian Döring (Berlin), Cecilia Dreymüller (Barcelona) und Frank Heibert (Berlin) an.

Der Preisträger wird unter sechs von der Jury nominierten Autoren in nicht öffentlichen Werkstattlesungen im Literarischen Colloquium ausgewählt. Die Preisverleihung findet in der Akademie am Pariser Platz statt. Neben der Laudatio und der Lesung aus dem preisgekrönten Manuskript werden Günter Grass, Karin Kiwus und der Preisträger des Vorjahres, Michael Kumpfmüller, Texte lesen, die Günter Grass in einem von ihm im März herausgegebenen Alfred-Döblin-Lesebuch zusammengestellt hat. Damit wird zugleich an den Namensgeber des Preises und großen Autor der literarischen Moderne erinnert, dessen Werk seit dem letzten Jahr beim S. Fischer Verlag in einer Neuausgabe erscheint.

Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin

Sonntag, 7.6.2009

11.30 Uhr

Pariser Platz

Plenarsaal

Günter Grass, Karin Kiwus und Michael Kumpfmüller lesen Texte von Alfred Döblin
Laudatio und Lesung aus dem preisgekrönten Manuskript
Eintritt frei

Dokumentation
Die Jury begründete ihre Entscheidung für Eugen Ruge wie folgt: „Eugen Ruge, bislang als Dramatiker bekannt, erhält für sein erstes Romanmanuskript „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Alfred-Döblin-Preis 2009. Entlang der Geschichte einer kommunistischen Familie von den dreißiger Jahren bis zur Nachwendezeit wird mit Dialogkraft, grimmigem Humor und der kunstvollen Fähigkeit zur episodischen Verdichtung ein großer Bogen deutscher Historie geschlagen.“

Eugen Ruge, 1954 in Sosswa (Ural) geboren, lebt in Berlin. Mathematikdiplom an der Humboldt-Universität zu Berlin; er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde, Potsdam; seit 1985 freier Autor, zunächst Fernsehdokumentationen im Auftrag des DEFA-Dokumentarfilmstudios; später vorwiegend Theater- und Hörspielautor und Übersetzer (Tschechow); zeitweise Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin. Verschiedene Theater- und Hörspielpreise, u.a. Schiller-Förderpreis des Landes Baden-Württemberg.

Laudatio von Frank Heibert
(© der Autor)

Mit der Geschichte, meine Damen und Herren, ist es so eine Sache. Mit der Historie, meine ich. Wenn wir sie selbst erleben, aus der Nähe unseres Da-Seins, dann ist uns manches daran, wenn wir es denn deuten und verstehen wollen, sonnenklar, selbstverständlich, kann gar nicht anders sein. Vieles Andere dagegen, das große Ganze, Überindividuelle erklärt sich erst nachher, aus der zeitlichen Distanz, wenn alle Informationen und Quellen ausgewertet sind, über die wir als Mittendrinstehende meist gar nicht verfügen. Das bleibt der Forschung vorbehalten, der Ausdeutung und Einordnung aus wissenschaftlicher Distanz. Und diese Distanz, die nach Systemen und Strukturen schaut, rückt zwangsläufig vom einzelnen Menschenleben ab, das lediglich abstrahiert als Statistikenpromill in Erscheinung tritt.
Wer sich für individuell erlebte Historie interessiert, ist auf Zeitzeugen angewiesen, auf autobiographische Berichte – die allerdings durch die Mechanismen der Erinnerung wieder an Unmittelbarkeit verlieren.
An dieser Stelle tritt die Literatur auf den Plan, die vieles kann, was der Wissenschaft verwehrt bleibt. Sie macht die Dialektik von Distanz und Nähe fruchtbar, nutzt Forschungsergebnisse, sichtet Zeitzeugenberichte,  sie kann Geschichte erzählen und Menschenerlebnisse, durch das Prisma der literarischen Sprache gebrochen und zugleich fokussiert. Physikalisch, optisch, ist das ein Paradox – durch ein Prisma gebrochen und zugleich fokussiert –, literarisch ist es Realität.

Der diesjährige Alfred-Döblin-Preisträger heißt Eugen Ruge. Wenn man versucht, der besonderen Wirkweise von Ruges Schreiben auf die Spur zu kommen, dann tauchen genau die eben genannten Elemente – Distanz und Nähe, Deutung und Verständnis, Geschichte und Erleben –, sie tauchen wieder auf und bleiben relevant, allerdings in überraschend eigenwilliger Weise.

Was tut Ruge in seinem Romanmanuskript? Er erzählt, in Teilen, die Geschichte des Kommunismus in Deutschland, nicht weniger als das, er erzählt von einer Familie, die Überzeugungen und Hoffnungen an die große Idee knüpft und zerrissen, zerrieben oder zermürbt wird von den Pannen, den Schattenseiten, dem letztlichen Scheitern ihrer Umsetzung – er erzählt, nicht-chronologisch, von Hinrichtungen im Moskauer Hotel Metropol 1936 über das mexikanische Exil mit den dort ausgefochtenen innerparteilichen Querelen über die Rückkehr 1952, ins "neue Deutschland" DDR, und den Weg, den Kampf, den Niedergang dieses Staates bis in die Nachwendezeit mit Zerfall und Resteverwertung.

Dies sind die äußeren, die historischen Stationen seines Geschichte-Erzählens – ein großer, ein ambitionierter Bogen, eine lange Abwärtskurve, die denn auch den Titel "In Zeiten des abnehmenden Lichts" trägt.
Das Besondere liegt vor allem darin, wie Eugen Ruge dies tut. Geschichte erzählen durch Geschichten-Erzählen, das ist der erste Punkt seines poetologischen Programms. Dabei erschreibt er keinen linearen, satt ausgefüllten epischen Bogen, sondern entscheidet sich für das Prinzip des Fragments. Er liefert quasi den Anti-"Turm", wobei ich das weder als unterstellte Intention noch als Abwertung von Uwe Tellkamps Roman meine, sondern ich meine das literarische Konzept. Ruge wählt Schlüsselszenen aus, die listigerweise nicht die Wendepunkte der Schulbuchhistorie sind (er betreibt also keinen Geschichtstourismus mit der Zeitmaschine zu Mauerbau oder Mauerfall), sondern er nimmt diagnostisch aufschlussreiche Biopsien aus dem Gewebe dieser Familienbiographie. Diese Episoden verweisen auf die anderen Fragmente, verdeutlichen dem Leser Zusammenhänge wie nebenher, ohne sie auszuerklären, auszuerzählen.

Das ist bereits die zweite Qualität, die Verdichtung. Es gelingt Ruge, die einzelnen Szenen so gekonnt mit der Substanz seines Stoffs aufzuladen, dass genau diese Geschichten seiner Romanfamilie Geschichte erzählen.

Dass diese Aufladung so gut funktioniert, hat mit der dritten Qualität zu tun, der Unmittelbarkeit seines Erzählens. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer anderen Figur gesehen, schlüpft in diese hinein, so nah am direkten Präsens-Erleben, wie es nur geht. Historische Wahrheit entsteht, wenn überhaupt, aus der Summe einzelner, unterschiedlicher Perspektiven, und die auf insgesamt achtzehn Kapitel angelegte Reihe aus sechs Figurenperspektiven bietet dem Leser sechs subjektive Facetten der Wahrheit. Ruge nimmt seine Figuren in ihrer jeweiligen Gegenwart ernst, bringt uns ihr Mittendrinstehen ganz nah. Diese Nähe geht, fein dialektisch, nur dank der Distanz, die der Autor zu jeglicher Bewertung hält, ob es nun eine Bewertung aus der Zeit heraus wäre oder aus der wissenden Retrospektive des heutigen Schreibenden.

Durch diesen Verzicht auf die Deutungshoheit, Qualität Nummer vier, hebt er sich wohltuend und erkenntnisbringend von vielen zeitgenössischen Bemühungen ab, die Historie zu verstehen. Im Kontext der derzeitigen Jahrestage, der Kurras-Stasi-Enthüllungen und ähnlicher Anlässe, die deutsche Geschichte zu reflektieren, zeigt sich mit schlagender Deutlichkeit die Relevanz von Ruges Ansatz der uneingefärbten Vergegenwärtigung, die den Leser seiner eigenen Meinungsbildung überlässt und ihn durchaus dringend, aber ohne es zu sagen, und nahezu ergebnisoffen zu ihr auffordert.

Doch noch in anderer Hinsicht ist das Spannungsverhältnis zwischen Nähe und Distanz bei Eugen Ruge ein ganz besonderes. Sein Stoff ist nämlich stark autobiographisch grundiert, diese Familie ist eigentlich seine Familie, cum grano salis, und um nah heran, um hinein gehen zu können in die Geschichten seiner Nächsten, braucht er Distanzmittel.
Die Romanform, statt der (auto)biographischen Chronik, ist eines davon.
Mit der Entscheidung für wechselnde Figurenperspektiven schiebt er den Figuren die Verantwortung für ihr So-Sein zu, das ist ein weiteres dieser Mittel.
Und der knochentrockene bis grimmige Humor, der viele seiner Beobachtungen, Miniaturen, Dialoge kennzeichnet, ist ein drittes. Ich nenne als Beispiel die charmant-chaotische russische Mutter, die vom politischen wie vom Realitätsbezug her so verpeilt ist, dass sie in der miefigen DDR prima klar kommt.

Eine Grundskepsis und ein Grundbedürfnis danach, die Komplexität der Dinge zu ergründen, sind wohl fest eingebaut bei einem Menschen, der wie Eugen Ruge als Sohn eines in den sowjetischen Gulag verbannten Deutschen 1954 am Ural geboren wurde und als Kind mit den Eltern trotz deren Repressionserfahrungen in die DDR ging. Ruge sagte im Gespräch: "Sobald ich mich einer Sache nähere, droht sie in ihrer Komplexität zu verschwinden." Da liegt die einzige Chance, sie zu bergen, in der doppelten Aufgabe, dieser Sache mit ihrem Einerseits und Andererseits gerecht zu werden und diese immer wiederkehrende Doppelbödigkeit in möglichst transparente und zugleich verdichtete Formen zu gießen.

Und damit sind wir bei der Sprache. Auf den ersten Blick, auf das erste Hinhören wirkt sie schlicht, nüchtern, pur. Wo ist der ganze Reichtum unserer Sprache, wo sind die vielen möglichen Register, mit denen die Vielstimmigkeit der Wirklichkeit doch in den Griff zu kriegen sein müsste? Nun, das ist eben die Kunst bei Eugen Ruge, die bewusste Entscheidung. Die kompromisslose und zugleich ganz mühelos wirkende Auswahl aus dem Reichtum, die Fokussierung auf das jeweils entscheidende Detail und Fragment, das Ziel einer so transparenten Sprache, dass sie sich nicht zwischen ihren Gegenstand und unsere Nahwahrnehmung stellt, keine auffällige Prismenbrechung des Erzählten vornimmt, all dies sorgt dafür, dass seine Erzählweise funktioniert. Die gezielt komponierten Lücken, die sie dramaturgisch wie deskriptiv lässt, aktivieren den Leser, ziehen ihn in die Situation hinein und lassen ihn empathisch mitfühlen, unbewusst mitschreiben geradezu.

Manches, was dieser Autor anders macht als seine Kollegen, erklärt sich möglicherweise auch dadurch, dass seine bisherigen Texte, die er nach einer Berufskarriere als Mathematiker ab dem Alter von 31 Jahren schrieb, allesamt ins dramatische Genre gehören (also Theaterstücke und Hörspiele, auch Drehbücher). Das hat sein Instrumentarium geschärft – für die Figurenzeichnung mit wenig textlichem Entfaltungsraum, für pointierte Dialoge, für einen reich belebten Subtext, für gekonnte dramaturgische Komposition. Aus all dem entsteht Eugen Ruges Prosastil – und das ist gut so, denn sein Stoff ist, wie er sagt, "zu prosaisch fürs Theater". Eine Komödie aus seinem Familienreservoir hat er 1998 geschrieben, das Stück "Babelsberger Elegie", in dem der Geburtstag des Großvaters drei Mal gefeiert wird, das letzte Mal nach seinem Tod. Jetzt aber ist der Stoff, den Ruge zu erzählen hat, in seiner ganz eigenen Form angekommen, in seiner Art des Romans, und es wird, wie zu hören war, dieser erste nicht der letzte bleiben. Was von diesem Manuskript bislang zu lesen ist, überzeugt, ohne dass man sofort sagen könnte, wie der Autor das macht: so unaufwändig Atmosphäre, Einfühlung, Einsichten zu schaffen. Das ist ein Kunststück.

Die Regeln ihrer Kunst beherrschten auch die anderen fünf Finalisten dieser Juryauswahl. Wer gestern auf der Werkstatt-Wettbewerbs-Lesung war, konnte sich von dem reichhaltigen Spektrum überzeugen, das Leidenschaft und Reflexion, Wärme und Kühle, Hyperrealistisches und Verzauberndes, Rätselhaft-Faszinierendes und Mitreißendes umfasste. Dass Eugen Ruge durch seine Autorenbiographie und durch die Wahl seiner Mittel ein wenig als Überraschungs- und Außenseiterkandidat da stand, hat die Jury nicht gestört. Dass da einer mit formal ungewöhnlichen Mitteln unser Verständnis für große Fragen der deutschen Zeitgeschichte aus dem unmittelbaren Erleben individueller Figuren wachsen lässt, hat die Jury für ihn gewonnen. Und dass Günter Grass unseren Eindruck teilte, Eugen Ruge schreibe im Geiste Alfred Döblins, hat unsere Entscheidung aufs Schönste bestätigt.
Viel Erfolg, lieber Eugen Ruge, für die Fertigstellung Ihres Manuskripts und später für das fertige Buch – und ganz herzlichen Glückwunsch!
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