Radio Zukunft. Tage der Audiokunst Tag des Produzenten

Festival

Vier Tage lang, vom 7. bis zum 10. März, bietet das Festival "Radio Zukunft" eine Bestandsaufnahme des Umbruchs, in dem sich die akustischen Erzählformen befinden. Am zweiten Tag steht der Produzent im Mittelpunkt.

Künstler und Rezipient: Beide machen im Zuge der Medientransformation einen fundamentalen Umbau durch. Die Produzierenden erleben das nicht nur in Form sich verändernder Arbeits- und Beschäftigungsstrukturen. In ihrem künstlerischen Medium selbst erfahren (und erleiden) sie eine permanente Erweiterung ihrer technischen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Das ist eine auch euphorisierende Erfahrung der digitalen Wende: auf einmal so viel zu beherrschen und neue ästhetische Lösungen realisieren zu können, die bis vor kurzem noch als utopisch galten.

Mehrkanaltechnik, mobile Audio-Apps, Gamification und WEB 2.0 vergrößern das Spielfeld der akustischen Kunst sprunghaft und bringen völlig neue Formen hervor. Mit ihnen entstehen andere Erzählweisen. Entstehen auch neue Inhalte? Wie beeinflusst der Medienwandel unsere akustischen Erzählweisen und wie sehen die Stücke von morgen aus? Irritierend ist die Beobachtung, dass technologisch avancierteste Produktionsweisen sich gern ausgerechnet den rohesten Klangformen und dem Authentizisimus verschreiben. 'Natur' ist das Motto gegen die Welt des digitalen Scheins. Nie klang die Wirklichkeit wirklicher, nie war die Produktion künstlicher als heute.

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Freitag, 8.3.2013

10 Uhr

Hanseatenweg

ab 10 Uhr. Tagesticket 10 / 5 Euro, Festival-Pass 30 / 15 Euro

Ein Festival der Akademie der Künste und der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Hans-Flesch-Gesellschaft

Dokumentation

Radio Zukunft
Programm 8. März
Tag des Produzenten

Biografien der Teilnehmer
Mitschnitte und Gespräche bei

10.00 Uhr
Wir müssen reden
Mila Burghardt Video- Performance für das Hörspiel
Hörspiel und Anstalt. Aber danke, trotzdem. Da war schon ganz viel Schönes drin. Und wie fühlt sich das jetzt für Sie an? "Wir müssen reden" fordert Mila Burghardt in ihrer Video-Performance, denn mit dem Hörspiel ist es wie überall: Lust, Macht und Abhängigkeit haben in die Krise geführt. Also jetzt noch einmal ohne Pathos, bitte.


Mila Burghardt: „Wir müssen reden“. Performance-Still: Mila Burghardt

10.30 Uhr
Keynote und Tagesmoderation: Guido Graf

10.40 Uhr
Christoph Sladeczek Die technische Avantgarde der Mehrkanaltechnik
Audio wird in der Bearbeitung bisher immer noch kanalbasiert gedacht. Am Fraunhofer Institut in Ilmenau arbeiten die Forscher des Bereichs “Virtual Acoustics” daran, wie man Sound objektorientiert bearbeiten und auf ganz verschiedene Arten räumlich wiedergeben kann. Wellenfeldsynthese im Hör-Kino, im Auto und sogar über Kopfhörer.

11.00 Uhr
Alessandro Bosetti und Marcus Gammel Die künstlerische Avantgarde der Mehrkanaltechnik
Die Möglichkeit, Klang im Raum konkret platzieren und ihn innerhalb des Lautsprecherfeldes überall hin wandern zu lassen, ist immer noch teuer und aufwendig. Nicht nur deshalb ist diese Arbeit etwas ganz Besonderes. Der Komponist Alessandro Bosetti spricht mit dem Redakteur Marcus Gammel über Mehrkanalsysteme und andere Hörräume in seinen Werken „A Collection of Smiles“, „Campanas“ und „arcoparlante“.

11.50 Uhr
friendly fire Konzepte des mobilen Hörens - Nibelungen: Ring und die Konstruktion medialer Zeit-Räume
Bei akustischen Wanderungen überlagert sich erzählte Geschichte mit real erlebter: augmented reality – erweiterte Wirklichkeit. Im Rahmen des Leipziger Hörspielsommers haben die Künstler eine Leipziger Wohnsiedlung, den 'Nibelungenring' als Hintergrund genutzt, um Assoziationen, die der deutschesten aller Sagen anhängen, zusammenzuführen und hörbar zu machen.

12.30 Uhr
Hermann Bohlen An die Hand nehmen und mitschleifen - Oder wie man den Hörer überrumpelt und fesselt
Jeder Geschichte die ihr gemäße Erzählweise, jedem Stoff seinen Ton. Hühner hören Radio. Gibt es eine Evolution der Erzähltechniken und Atavismen des Erzählens? Ist Erzählen selbst schon einer? Wie frei sind wir in der Wahl unserer Erzähltechnik, über wie viele Töne verfügen wir? An die Hand nehmen, an der Nase herumführen, nicht lange gängeln sondern gleich fesseln. Aus meiner Erzählpraxis.

13.45 Uhr
Keynote Guido Graf

13.50 Uhr
Hans-Jürgen Krug Technik-Radio-Hörspiel: eine Ultrakurzgeschichte
Wie unmittelbar technologischer Wandel auch die Ästhetiken des Hörspiels verändert, entzieht sich in der Regel unserer direkten Wahrnehmung. Doch jede neue Radio-Technologie, ob der Sprung von der Mittelwelle zur Ultrakurzwelle, der Wandel von Mono zu Stereo oder vom Tonband zur Festplatte, hat künstlerische Kämpfe und Wandlungen ausgelöst. Dargestellt werden die wichtigsten Wendepunkte, ganz kurz, ultrakurz.

14.10 Uhr
Martin Burckhardt Im Jenseits der Medien Oder: Was die Klangkunst mit Computerspielen gemein haben könnte
So wie das körperlose Hörspiel in Bereiche vordringen kann, die man gemeinhin atmosphärisch nennt, die aber eine Form des “outer space” markieren, so ist das Computerspiel im unfassbaren Raum verhaftet: Eine Bastardkunst, die zwischen den Unwegsamkeiten der Abstraktion und einer großen Unbefangenheit schwankt. Der Erfahrungsbericht eines Autors, eines Startups, eines neuartigen Computerspiels: TwinKomplex.

14.55 Uhr
Heiko Martens und Andreas Bick Digitales Manifest
Zeit für ein Manifest: Die Hörkunst findet im Netz statt, zuerst und für immer! Die Hörkunst ist digital und im Fluss! Retweete das an deine Follower! Oder auch: Im Netz wird das Hörspiel eine neue Form annehmen und neue Erzählformen ermöglichen. Vielleicht ist es Zeit für zwei Manifeste. Oder drei. Wir werden sehen...

15.50 Uhr
Keynote Guido Graf

16.00 Uhr
Lineares Erzählen im crossmedialen Zeitalter
Diskussion
mit Michael Lentz, Hofmann und Lindholm, Katrin Moll und Daniel Eschkötter
Herrschen in den neuen digitalen Formaten andere Gesetzmäßigkeiten für Spannung, Handlungsaufbau und Identifikation? Oder sind die linearen Erzähltechniken zeitlos? Ein neuer Werkbegriff, ein durch kollektives Arbeiten veränderter Begriff vom Produzenten scheinen sich anzubahnen. Moderiert von Guido Graf diskutieren Autoren, Wissenschaftler und Redakteure, inwieweit sich die Erzählweisen verändert haben.

17.30 – 19.30 Uhr
Hörspielpräsentationen
Ulrich Gerhardt Nostalghia: Meine Klassiker
gewidmet Hermann Naber

Berta Garlan von Arthur Schnitzler
Bearbeitung und Regie: Max Ophüls, Erzähler: Gert Westphal, Berta Garlan: Käthe Gold u. a., SWF 1956, 151 Min.
Der Filmregisseur Max Ophüls begann seine Karriere am Theater und mit Arbeiten für den Rundfunk. Auch in seinen Filmen dem Autor Arthur Schnitzler verbunden, bearbeitete er den Roman “Berta Garlan” für das Radio. Seine Inszenierung von 1956 mit der großen Käthe Gold ist eine legendäre Produktion, die dem Hörspiel neue Wege wies.


ABENDPROGRAMM


20.00 Uhr Foyer
My Vision of Radio
Joe Davis Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung "Xstal Radio"
Der amerikanische Wissenschaftler und Künstler Joe Davis spricht über seine Faszination mit dem unersetzbaren Medium Radio und dessen Zukunft.

21.00 Uhr Keynote
Jochen Meißner Das Radioselbst. Vom Normativen zum Deskriptiven (und zurück)
Die Geschichte des deutschen Hörspiels beginnt 1924 mit einer "Zauberei auf dem Sender", die den medialen Charakter des Rundfunks thematisierte. Die selbstkritische Frage, die sich der Autor und Rundfunkredakteur Helmut Heißenbüttel 1970 stellte: “Was sollen wir überhaupt senden?”, stellen sich heute vor allem Intendanten, Wellenchefs und Programmreformatoren und zwar in der Regel außerhalb des Programms. Das Radio hat offensichtlich Schwierigkeiten, sich selbst zu  thematisieren.

Anschließend Gespräch zum folgenden Live-Hörspiel mit Nathalie Singer, Jochen Meißner und Rafael Jové

22.00 Uhr Live-Hörspiel
Das Radio ist nicht Sibirien von Rafael Jové
mit Live-Sendung im rbb-kulturradio mit Bernd Moss als Hagen Pollaschek
Produktion: Bauhaus-Universität Weimar in Koproduktion mit der Akademie der Künste, Berlin und dem rbb 2011/2013, ca. 50 Min.
Als an diesem Tag beim Radiosender FDR 2 das Mikrofon aufgeht, ist es für Hagen Pollaschek - Moderator "FDR 2 Mittagstisch" - das eine Mal zuviel. Der idealistische Eifer, mit dem er einst das erträumte Redaktionsvolontariat bei FDR 2 antrat, ist tiefster Frustration gewichen. Die Arbeit im strikt formatierten Kulturfunk unter der Knute der statistisch ermittelten Hörerzahlen hat Pollaschek jeden Glauben an die  Radioarbeit genommen.


SOUND STAGE
Technische Realisierung durch Taucher Sound Environments

23.15 Uhr
Continuity Illusions von LMS (Jörg Lindenmaier, Anthony Moore, Peter Simon)
5.1-Mehrkanalproduktion, WDR 2003, 15 Min.
Eine Komposition über Geschwindigkeit, Wahrnehmung und Raum-/Zeit-Konzepte. Kurze Klangpartikel und -ausbrüche rotieren in wechselnden Geschwindigkeiten durch die Lautsprecher. Scheinbare Überlappungen entwickeln sich und setzen sich in einer Wellenbewegung durch das Klangfarbenspektrum fort in einem behutsam gesteuerten Experiment mit linearen Sequenzen und nachlassender Stille.

23.35 Uhr
Chronostasis von Andreas Bick
5.1-Mehrkanalproduktion, WDR 2009, 33 Min.
Unbemerkt geht in den letzten Dekaden eine Ära der Zeitmessung zu Ende, die von der Erfindung der ersten Sonnen- und Wasseruhren hin zur Atomuhr führte. "Chronostasis" meint die Eigenschaft des Gehirns, Augenblicke subjektiv verlängern zu können. Das Stück setzt der Klangwelt der aus unserem Alltag verschwundenen  Uhrwerke ein Denkmal und führt Uromas Pendeluhr in unsere technologische Jetztzeit, in der Zeitmanagement alles und das Gefühl des Zeitmangels allgegenwärtig ist. Es stemmt sich gegen das unerbittliche Fortschreiten der Zeit, indem es ihren Klang entmaterialisiert.

00.10 Uhr
Att fälla grova träd är förknippat med risker von Hanna Hartman
Swedish Concert 2005, 9 Min.
"Hanna Hartmans hochkonzentrierte Klangkomposition wird von den beiden im Titel angedeuteten Motiven des Fällens und Fallens bestimmt. Durch die hörlupenartige Präsentation des Materials verlieren die Klänge ihre umstandslose Identifizierbarkeit, sie werden mehrdeutig, beginnen zu schillern und abgelöst von ihrer Semantik ein musikalisches Eigenleben zu entfalten." (Karl-Sczuka-Preis 2005, aus der Begründung der Jury)

00.20 Uhr
Folgen Sie mir pausenlos von Antje Vowinckel
Deutschlandradio Kultur 2012, 51 Min.
Neun Personen gehen über den ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof. Mit Headset-Mikro und einem individuellen Audioguide verfolgen sie nacheinander denselben Weg. Dabei sprechen sie ohne Unterbrechung. Sie "filmen" sprechend ihren Weg ab, zerlegen ihn in einzelne Bilder. Aus diesen Sprechströmen montiert die Radiokünstlerin Antje Vowinckel ein Hörpanorama der "Tempelhofer Freiheit". Verschiedene Perspektiven überlagern sich, es entsteht eine Art akustisches Schielen. Ein Ort im Umbruch. Nicht mehr Flughafen, noch nicht Parkanlage, wird das Gelände als Konstruktion Vieler hörbar, als Übergang zwischen den Zeiten.


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Radio Zukunft ist ein Festival der Akademie der Künste und der Kulturstiftung des Bundes

In Kooperation mit der Hans-Flesch-Gesellschaft e.V. – Forum für akustische Kunst, unterstützt von der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL)

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